Freiwilligenmanagement – führen ohne Macht

Christoph Härter ist Berater, Supervisor und Coach von BENEVOL in St. Gallen. In seinem Beitrag beschäftigt er sich mit den Herausforderungen modernen Freiwilligenmanagements. Der Beitrag wurde zuerst bei zürich freiwillig (2006) und kürzlich auch bei BENEVOL veröffentlicht. Wir danken Herrn Härter für die freundliche Genemigung, diesen lesenswerten Beitrag auch hier einstellen zu dürfen. Vielen Dank.

Im Zuge der Professionalisierung in Non-Profit-Organisationen ist die Führung der Freiwilligenarbeit zu einer anspruchvollen Managementaufgabe geworden. Sie muss den Spagat zwischen den Ansprüchen der Organisation und den Begrenzungen der Freiwilligkeit bewältigen: Die hohe Kunst der Führung ohne Macht.

„Neue“ Freiwillige

Die Voraussetzungen der Freiwilligenarbeit haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Immer mehr Menschen, die heute ein freiwilliges Engagement eingehen verstehen sich als gleichwertige Partner, die über eine bestimmte Zeit unentgeltlich eine Leistung erbringen. Sie machen das nicht nur aus Nächstenliebe, sondern weil sie sich von der freiwilligen Tätigkeit auch einen persönlichen Gewinn versprechen. Die einen finden dadurch soziale Kontakte, andere einen Ort, wo sie ihr Fachwissen oder ihre Lebenserfahrung einbringen oder einem persönlichen Anliegen Gewicht verschaffen können. Geprägt von einer Arbeitswelt, die klare Ziele und Rahmenbedingungen fordert, erwarten diese Freiwilligen auch ein gutes Management für ihr Arbeitsfeld. Dazu gehören Auftragsklärung, Planung der Arbeit und Unterstützung bei der Umsetzung, Weiterbildung, Information, unkomplizierte Spesenabrechnungen und das Einstehen gegenüber der auftraggebenden Organisation.

Ansprüche der Organisationen

Auf der andern Seite steht die Organisation, Kirchgemeinde oder Institution, welche Freiwillige zur Umsetzung ihrer Ziele einsetzt. Im Zuge der Professionalisierung und systematischen Qualitätssicherung in Non-Profit-Organisationen werden an das Freiwilligenmanagement immer höhere Anforderungen gestellt. An vielen Orten wird konkret mit der Leistung der Freiwilligen gerechnet, qualitativ und quantitativ. Damit ist die Freiwilligenarbeit Teil der Unternehmensstrategie und deshalb eingebunden in die wirtschaftlichen und führungstechnischen Ansprüche des Managements.

Wenig strukturelle Macht

Die Erwartungen an das Freiwilligenmanagement sind also von Seiten der Freiwilligen und der Auftraggeber her hoch. Dem gegenüber steht ein ganzes Stück Machtlosigkeit. Die Organisationen betonen zwar die grosse Bedeutung der Freiwilligenarbeit, ohne die die Unternehmensziele nicht erreicht werden könnten. Dennoch – wenn es um Entscheide, Ressourcen und inhaltliche Mitbestimmung geht, steht doch die professionelle Erwerbsarbeit im Vordergrund. Die Freiwilligenarbeit wird in diesem Moment wieder zum ergänzenden Hilfsdienst. Dass Unterschiede zwischen bezahlter und nicht bezahlter Arbeit gemacht werden müssen ist zwar in vielen Belangen richtig und nachvollziehbar. Für die Verantwortlichen im Freiwilligenmanagement bedeutet dies jedoch einen Spagat zwischen Anspruch und Möglichkeiten.

Führen ohne Vertrag

Doch auch gegenüber den Freiwilligen besteht eine Machtlosigkeit. Auch bei klaren Einsatzvereinbarungen und Abmachungen bleibt eine viel grössere Unverbindlichkeit als bei einer arbeitsrechtlichen Anstellung. Selbst vereinbarte „Kündigungsfristen“ sind letztlich Absichtserklärungen, die rechtlich nicht eingefordert werden können. Die zeitliche Begrenzung der Freiwilligeneinsätze schränkt die Führungs- und Personalentwicklungsmöglichkeiten massiv ein. Die Leute sind nicht so verfügbar wie Angestellte, weil sie viel weniger Zeit in der Organisation verbringen als diese. Das wirkt sich beispielsweise bei der Qualitätssicherung aus. Es ist eine Kunst, für qualifizierte Freiwilligenarbeit eine zeitlich und fachlich angemessene Weiterbildung zu installieren. Auch bei Konfliktsituationen ist es schwieriger, wenn die Mitarbeitenden wenig da sind und ihren Dienst auch noch freiwillig tun.

Macht-los führen als Herausforderung

Freiwilligenmanagement ist also eine äusserst vielschichtige, anspruchsvolle Aufgabe. Es beinhaltet alle Aspekte des NPO-Managements, muss jedoch unter anderen, nämlich macht-loseren Voraussetzungen geleistet werden als im Zusammenhang mit Angestellten.

Dies macht die Aufgabe für die einen unmöglich, für die andern besonders herausfordernd. Denn wer ohne strukturelle Macht führen soll, muss auf andere Werte bauen. Überzeugungsarbeit, Empowerment, Partizipation und vertrauensbildende Massnahmen sind einige davon. Gegenüber der Organisation kann die Position auch dazu genutzt werden, die Führung an ihre Ideale, die oft im Leitbild dargestellt werden, zu erinnern und sie darauf zu verpflichten.

Unterstützung für Führungskräfte

Diese herausfordernde Aufgabe ruft nach Unterstützung. Es ist wichtig, dass den Führungskräften entsprechende Weiterbildung angeboten wird. Darüber hinaus sind Austauschmöglichkeiten und Begleitung wichtig. Wertvolle Möglichkeiten sind Angebote von Gruppen-Supervision oder Coaching für Führungspersonen der Freiwilligenarbeit, wie sie Benevol anbietet. Hier können konkrete Herausforderungen der Führungsarbeit bearbeitet und Lösungswege gesucht werden. Auch Intervisionsgruppen, Fachberatung und Materialbörsen sind hilfreiche Möglichkeiten zur Unterstützung.

Mit einem klaren Profil und innerer Stärke kann auch ohne strukturelle Macht erfolgreich geführt werden.

Deutschland braucht 90.000 Freiwillige — und zwar sofort

Jayne Cravens (www.coyotecommunications.com) veröffentlichte diesen Beitrag zuerst am 27. Dez. 2010 in englischer Sprache auf ihrem Weblog. Für die deutsche Übersetzung danken wir Herrn Stefan Dietz.

Die Tage der Wehrpflicht – und der Zivis – sind vorbei ab 2011. Hunderte Wohlfahrtsorganisationen in ganz Deutschland, die auf die Arbeit der fast 100.000 einberufenen vertraut haben, sehen sich jetzt einer radikalen Verringerung ihrer Arbeitskräfte gegenüber. Viele Organisationen glauben nicht, daß sie ausreichend Freiwillige finden können um die Routinearbeit zu erledigen, die bis jetzt von Zivis erledigt wurde – spülen, Räume reinigen, Mahlzeiten zubereiten, usw.

Kann Deutschland 90.000 Freiwillige rekrutieren um die Zivis zu ersetzen? Ja – aber es verlangt ein fundamentales Umdenken wie deutsche Wohlfahrtsorganisationen die Rolle von Freiwilligen verstehen, und VIEL Übung und Unterstützung um dieses neue Denken auch umzusetzen.

Deutschland versteht bereits den Wert von Freiwilligen in Feuerwehren. Deutschland hat die meisten Freiwilligen Feuerwehrleute pro Einwohner aller Länder weltweit. In einer deutschen Gemeinde mit einer freiwilligen Feuerwehr muß nach 8 Minuten erste wirksame Hilfe durch die Feuerwehr geleistet werden. Freiwillige Feuerwehrleute erhalten die gleiche Ausbildung wie Berufsfeuerwehrleute, es gibt keine zwei Klassen-Ausbildung. Freiwillige bleiben für Jahre, nicht nur für Wochen oder Monate. Und freiwillige Feuerwehrleute bekämpfen Feuer, retten Menschenleben und schützen Sachwerte. Ja, sie machen auch Routinearbeit, aber sie bekämpfen auch Feuer. Ob sie es wissen oder nicht, Deutsche vertrauen bereits jetzt Freiwilligen mit Aufgaben von entscheidender Bedeutung; Deutsche müssen dies auf andere soziale Aufgaben ausdehnen.

Der Anfang: Deutsche Wohlfahrtsorganisationen müssen Freiwillige für mehr als nur Routinearbeiten einsetzen:

  • Sie müssen sie genauso ansehen wie Organisationen in den USA, deren Mitarbeiter hauptsächlich Freiwillige sind. Freiwillige übernehmen den Grossteil der Leistungen, die das Amerikanische Rote Kreuz und die `Girl Scouts of the USA` (Girl Guides) anbieten, so übernehmen sie nicht nur die Routinearbeit, sondern auch Führungspositionen. Viele ihrer Freiwilligen bleiben für Jahre und nicht nur für Wochen oder Monate, weil sie viel mehr tun als nur die Routinearbeit. Das Ehrenamt variiert in verschiedenen Kulturen in vielen Aspekten, aber eines bleibt immer gleich, Kultur zu Kultur, Land zu Land: Freiwillige wollen merken, dass ihre Arbeit wichtig ist, nicht nur nett, sondern notwendig.
  • Zusätzlich muss ein Ehrenamt mit Hochschulen und Universitäten verbunden werden, wo dies angemessen ist. So, dass Schüler und Studenten praktische Erfahrungen sammeln und anwenden können was sie in Unterricht lernen — “service learning.” Bestimme Ehrenämter sollten den Freiwilligen bei der Hochschule oder Universität angerechnet werden.

Um diese Transformation möglich zu machen, benötigt es intensive und fortgeschrittene Freiwilligen-Management-Schulungen für Wohlfahrtsorganisationen, für Universitäten und für Regierungsbehörden. Es kann auch bedeuten, Angestellte zu bezahlen um die Routinearbeiten zu erledigen, während Positionen mit mehr Verantwortung für Freiwillige reserviert werden – für viele Leute ist dies eine radikal Denkensweise.

Ich habe ein paar Schulungen in Deutschland geleitet und war erstaunt wie weit zurück dieses Land ist im Bezug auf Management von Freiwilligen“? :

  • Vertreter von Freiwilligen-Zentren erzählten mir, sie würden keine Online-Datenbank für verfügbare Ehrenämter benutzen, weil “dann wird niemand unsere Freiwilligen Zentrum besuchen.”
  • Leute, die mit Freiwilligen in verschiedenen Organisationen gearbeitet haben, erzählten mir, dass sie keine niedergeschriebenen Richtlinien und Handlungsweisen haben, und wenn ich sie fragte wie sie eine Auswahl ihrer Freiwilligen treffen, habe ich wieder und wieder gehört: “Ich merke ob jemand ein guter Freiwilliger sein wird, wenn ich nur mit ihm spreche. Ich habe das im Gefühl.”
  • Einwohner mit Migrationshintergrund sind weit unterrepräsentiert in der Belegschaft der meisten Wohlfahrtsorganisationen und gemeinnützigen Organisationen in Deutschland. Man kann z.B. in eine Gemeinde mit deutlichem türkischem Bevölkerungsanteil gehen, aber man wird keinen Freiwilligen dieser Bevölkerungsgruppe im örtlichen Freiwilligen Feuerwehrhaus antreffen. In meinen acht Jahren in Deutschland habe ich nie eine Wohlfahrtsorganisation oder gemeinnützige Organisation, die Freiwillige einbezieht, gefunden, die Anwerbung speziell auf Minderheiten zugeschnitten hatte – ja, ich habe danach gesucht.

Es ist eine herausfordernde Zeit für Deutschland, aber es ist auch eine einzigartige Gelegenheit für Deutschland, um die Einbeziehung von Freiwilligen zu steigern; und um seine Gesellschaft in einer positiven und nachhaltigen Weise zu transformieren. Deutschland könnte zu einem Vorbild in der restlichen EU werden! Aufgepasst Deutschland: Ich bin bereit zu helfen!

Lesen Sie mehr in diesem Bericht auf NPR (nur in Englisch).

Sessionbericht: “Freiwilligenarbeit in Deutschland – Zukunft hat Geschichte”

Ein Bericht von Katrin Unger und Hannes Jähnert


Am 19. und 20. November 2010 fand das dritte Berliner SocialCamp statt. Auf diesem jährlich stattfindenden BarCamp treffen sich Internetspezialistinnen und -spezialisten mit Mitarbeitenden zivilgesellschaftlicher Organisationen und Initiativen um sich über den Einsatz neuer Medien in Non-Profit-Organisationen (NPO) auszutauschen und voneinander zu lernen. Nach drei Jahren ist das Berliner SocialCamp eine Institution, bei der es längst nicht mehr nur darum geht NPO-Mitarbeitende von den mannigfaltigen Möglichkeiten des (neuen) Internets zu überzeugen. Das SocialCamp ist mittlerweile auch ein Ort, an dem neue Entwicklungen im Dritten Sektor abseits des Einsatzes neuer Kommunikations- und Kooperationsmöglichkeiten diskutiert werden.

Auch freiwilligenmanagement.de war beim diesjährigen SocialCamp in den Räumen der Humboldt Viadrina School of Governance vertreten und hat – wie es sich für echte BarCamperinnen und -Camper gehört – auch eine Session (mit)gestaltet. Gemeinsam mit Dr. Brigitte Reiser von Nonprofits-Vernetzt und Stefan Zollondz von Net-Polis – Sozialarbeit 2.0 schrieben wir die Geschichte und Zukunft der Freiwilligenarbeit in Deutschland auf den Plan. Ausgehend von einem historisch-philosophischen Enträtselungsversuch deutscher Freiwilligkeit sollte es vor allem um die Theorie und Praxis der Koproduktion im dritten Sektor gehen. Dankenswerter Weise führte Katrin Unger in dieser Doppelsession (2 x 45 Minuten) Protokoll, sodass wir hier nicht nur von den Inputs, sondern auch von der Diskussion berichten können.

Zu den Wurzeln der deutschen Freiwilligenarbeit

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde, in der deutlich wurde, dass das SocialCamp nicht mehr nur der Ort für kleinere Initiativen und Start-Ups ist, sondern durchaus auch Vertreterinnen und Vertreter größerer Kaliber anzutreffen sind, startete Hannes Jähnert (freiwilligenmanagement.de) mit einem genealogischen Blick auf die Wurzeln der deutschen Freiwilligenarbeit. Dazu kurz eine Erläuterung:

Fragt man Expertinnen wie Laien nach den Wurzeln der Freiwilligenarbeit in Deutschland und Europa wird man sehr unterschiedliche Antworten bekommen. Die einen wähnen die Wurzeln deutscher Freiwilligenarbeit bei den12 Aposteln, die anderen in der APO der 1960er und 70er Jahre, die nächsten meinen die Wurzeln des deutschen Sonderwegs der Freiwilligenarbeit im bürgerlichen Ehrenamt der Armenfürsorge in Zeiten der Industrialisierung zu erkennen und wieder andere halten die Kriegsfreiwilligkeit für die Geburt der Freiwilligenarbeit. Das ist sicherlich auch alles richtig, doch hat sich die Freiwilligenarbeit in Deutschland (wie überall auf der Welt) über Jahrhunderte aus vielerlei Strängen entwickelt. Anstatt also von einer Wurzel der Freiwilligenarbeit auszugehen, ist es durchaus sinnvoll, mehrere Entwicklungslinien in der Geschichte zu verfolgen, die sich, wie die Wurzeln eines Baumes, im Jetzt zu einem Stamm zusammenfügen, den wir freiwilliges oder bürgerschaftliches Engagement bzw. Ehrenamt nennen.

Anhand zwei bedeutender Entwicklungsstränge deutscher Freiwilligenarbeit, dem Kriegsdienst und des bürgerlichen Ehrenamtes in Zeiten der Industrialisierung, zeigte Hannes Jähnert also zunächst, dass die Freiwilligenarbeit in Deutschland eher von der kommunitaristischen (republikanischen) Vorstellung einer Bürger- oder Zivilgesellschaft geprägt ist denn von einer liberalen. Auch wenn es heute nicht mehr als Freiwilligenarbeit wahrgenommen wird, finden sich im deutschen Recht – das tradierte Denkweisen erstaunlich lang zu konservieren im Stande ist – doch noch Rudimente von Kriegsfreiwilligkeit (freiwillig länger dienende Mannschaftsdienstgrade in der Bundeswehr) und altem Ehrenamt (in Gestalt des Schöffen / der Schöffin).

Nach dieser, zugegeben etwas provokanten, Einführung in die Geschichte deutscher Freiwilligenarbeit entbrannte augenblicklich eine Diskussion um die Frage, inwieweit sich ein Paradigmenwechsel vom kommunitaristischen zum liberalen Verständnis von Freiwilligenarbeit in Deutschland vollzogen hat bzw. aktuell vollzieht. Besonders durch die Demokratisierungsbemühungen der amerikanischen Besatzungsmacht nach dem zweiten Weltkrieg – so einige Teilnehmende – sollte das republikanische Verständnis von Bürgergesellschaft doch mittlerweile einem liberalen gewichen sein. Soziale Bewegungen, wie die APO oder die Frauenbewegung der 1960er und 70er Jahre würden das doch gut zeigen. Zudem – so andere Teilnehmende – haben sich die Motive der Engagierten geändert. Wurde das Engagement in früheren Tagen eher extrinsisch motiviert, schöpfen heutige Freiwillige ihre Motivation aus einem intrinsischen Antrieb, was wiederum als Beleg einer Liberalisierung ausgelegt wurde. Freiwilliges Engagement, so könnte man die Diskussion kurz zusammenfassen, ist heute eher von der Selbstorganisation der Bürgerinnen und Bürger, denn von der Übernahme quasi-staatlicher Aufgaben geprägt.

Theorie der Koproduktion im Dritten Sektor

Mit einem weniger retrospektiven denn vielmehr gegenwarts- und zukunftsbezogenen Blick referierte Dr. Brigitte Reiser über das Konzept der Koproduktion im gemeinnützigen Bereich. Trotz der Ambivalenz des Konzeptes – man denke an unintendierte Folgen wie die Drosselung staatlicher Leistungen – plädierte sie für eine Erweiterung der bisher vor allem auf die Produktion bzw. die Umsetzung von sozialen Dienstleistungen beschränkten Möglichkeiten. Freiwilliges Engagement sollte demnach neben Helfertum auch die stärkere Einbindung der engagierten Bürgerinnen und Bürger in Planungs- und Steuerungsprozesse bedeuten.

Eine vollständige Koproduktion – die also auch Gelegenheiten zur bürgerlichen Mitbestimmung eröffnet – so Reiser, würde bislang vor allem durch die Dominanz der Professionen und die Hierarchien im wohlfahrtsstaatlichen Bereich behindert. Aber auch von staatlicher Seite wird das (demokratische) Potenzial, das eine umfassendere Beteiligung von Engagierten bieten könnte, verkannt bzw. nicht gefördert.  Es gibt also noch einige Schwierigkeiten und damit auch notwendige Veränderungen um eine vollständige Koproduktion in Deutschland erreichen zu können.

Profitieren könnten dabei alle Seiten: NPO’s zum Beispiel durch die bessere Anbindung an die Zivilgesellschaft und die Verbesserung ihrer Dienstleistungen durch den Einbezug der Bürgerinnen und Bürger, welche ja nicht zuletzt auch Abnehmer der Dienste sind. Letztere wiederum könnten durch den (erneuten) Einfluss auf diese sozialen Dienstleistungen gesellschaftliche Gestaltungsräume zurückgewinnen.

Praxis der Koproduktion im Dritten Sektor

Ausgehend von dieser eher theoretischen Perspektive, setzte Stefan Zollondz die Session mit einem Beitrag über die Praxis von Koproduktion fort. Als konkretes Beispiel nutzte er ein Generationenhaus und Stadtteilzentrum der AWO in Bielefeld. Dabei widmete sich Zollondz sowohl den verschiedenen Standpunkten von NPO’s und der Politik zum Thema Koproduktion als auch deren (zukünftigen) Aufgaben um vollständige Koproduktion voranzutreiben. Auf staatlicher Seite müsse beispielsweise der Gedanke der Kosteneinsparungsmöglichkeiten durch Bürgerbeteiligung in den Hintergrund treten, ansonsten würde die Ausweitung der Koproduktion mit der Angst einhergehen, staatliche Mittel für soziale Dienste zu verlieren. NPO’s sollten sich auf der anderen Seite bemühen, das Konzept bekannter zu machen, denn der Mitbestimmungsgedanke müsse zunächst auch bei den Bürgerinnen und Bürgern ankommen.

Diskussion

In der anschließenden Diskussion ging es vor allem um die Frage, von Gelingensfaktoren für eine umfassendere Einbindung von engagierten Bürgerinnen und Bürgern. So müssten vor allem Strukturen und Hierarchien innerhalb der Non-Profit-Organisationen und öffentlichen Einrichtungen für eine Mitwirkung von außen geöffnet werden und organisationsinterne Strategien zur Einbindung Freiwilliger erarbeitet werden.

Vor allem die Mitwirkung bei Planungsprozessen – so ein Einwand aus der Diskussionsrunde – setzt vor allem ein zuverlässiges, eher langfristiges Engagement von entsprechend qualifizierten Freiwilligen bzw. Ehrenamtlichen voraus. Von Bedeutung ist deshalb insbesondere der Aufbau eines Freiwilligenmanagements, das die Auswahl, Qualifizierung, aber auch die Einsatzplanung und –koordination von Engagierten ermöglicht. Gleichzeitig sei es aber auch wichtig, dass Ehrenamtliche und Freiwillige nicht die Arbeit Hauptamtlicher ersetzen. Sie können der Arbeit vielmehr eine andere Qualität verleihen – Ressourcen könnten gebündelt werden; Professions- und Bürgerwissen können sich ergänzen.

Natürlich durfte auf dem SocialCamp die Frage nach den Potenzialen, die das Internet für Koproduktion bietet, nicht fehlen. Wenn der Trend zum eher sporadischen, kurzfrisitgen oder auch  Online- und Micro-Engagement geht, wie kann dann ein verlässliches Netzwerk von Freiwilligen aufgebaut werden? Als vorbildliches Beispiel wurde hier das Österreichische Rote Kreuz genannt, das sein Netzwerk über Facebook erfolgreich pflegt und hierüber beispielsweise Freiwillige für Textübersetzungen findet. Das Problem jedoch: Vor allem traditionelle Organisationen öffnen sich nur langsam und häufig nur gegen große Widerstände den neuen Möglichkeiten, die der Interneteinsatz eröffnen kann. Ein großer Nachteil gegenüber kleinen, agilen und innovativen Initiativen und Organisationen. Diese können dann schließlich auch eine stärkere Mitwirkung von Engagierten ermöglichen und die Macherinnen und Macher unter den Engagementwilligen gewinnen. Gefühlt – so ein Fazit der Runde – gewinnen sie deshalb auch den „Kampf“ um die „guten Freiwilligen“.

Eine weiterführende Diskussion zum Thema Förderung „echter Partizipation“ läuft in der aktuellen NPO-Blogparade.

Readability – Internettexte bequem lesen

Ich weiß nicht wie das bei Ihnen ist, ich für meinen Teil lese eigentlich fast nur noch am Bildschirm. Natürlich viele E-Mails und Weblogs aber auch einige Artikel in Online-Zeitungen wie taz.de, Spiegel- oder Zeit-Online. Ich finde es so sehr einfach mich auf dem Laufenden zu halten. Über Social Web Services wie Twitter lasse ich mich mit Neuigkeiten versorgen. Ich klicke hin und wieder auf einen interessant wirkenden Link und lande auf einem (mehr oder weniger) spannenden Artikel.

Natürlich bringt diese Web-Text-Leserei auch Schwierigkeiten mit sich. Vor allem was die barrierefreie (bequeme) Lesbarkeit betrifft, sind sie häufig ziemlich schlecht.

  • Die Texte sind immer an das Design der jeweiligen Seite eingepasst. Da die Alleinstellung im Netz hauptsächlich über das Design gesteuert wird, werden die Texte natürlich alle unterschiedlich dargestellt. Mal lesbar, mal weniger lesbar.
  • Vor allem in kommerziellen Online-Journalen wird unheimlich viel geworben. Da der geschulte Blick des Onliners starre Werbebanner allerdings schon seit einiger Zeit ignoriert, setzen viele Nachrichten-Portale verstärkt auf penetrant blinkende Flashanimationen.

Das stört natürlich das Lesen. Ich persönlich brauche wesentlich länger um mich durch einen Text zu arbeiten, wenn die Schrift viel zu klein ist und ich ständig von dem neusten Werbebanner abgelenkt werde. In meinem E-Mail-Client oder meinem RSS-Reader kann ich das problemlos umgehen, nur bekomme ich natürlich nicht alles zugesandt, was mich interessiert.

Schon vor einiger Zeit bin ich auf ein Tool gestoßen, das ich Ihnen hier gern ans Herz legen möchte: Readability ist ein recht einfaches Internet-Werkzeug, mit dem sich Texte wie dieser hier sehr gut lesbar darstellen lassen. Alles für den Text unnötige wird wegrationalisiert, ein hellgrauer Hintergrund eingefügt und die Schrift – je nach persönlicher Einstellung – auf ein angenehmes Maß vergrößert.

Readability is a simple tool that makes reading on the Web more enjoyable by removing the clutter around what you’re reading.

Wie das Readability-Tool in den Browser integriert wird, erklärt dieses Video (engl.):

Readability – Installation Video for Firefox, Safari & Chrome from Arc90 on Vimeo.

Eigentlich ist es mehr als einfach: Einfach auf www.lab.arc90.com den Beispieltext wie gewünscht konfigurieren und anschließend den Button auf der rechten Seite mit dem Cursor anklicken, Maustaste gedrückt halten und den Button in die Schnellwahl der Lesezeichen im Brower schieben. Wenn dann wieder mal ein Text unleserlich erscheint, einfach auf das Lesezeichen klicken, den Text wie gewünscht darstellen lassen und ganz entspannt lesen.

12. internationaler Tag des Freiwilligenmanagements

Am Freitag den 05.11.2010 findet zum 12. Mal der Internationale Tag der Freiwilligen-Managerinnen und -Manager (International Volunteer Manager Day, IVMDay) statt. Der IVMDay wird von einem kleinen internationalen Komitee getragen, das von 12 Ländern (u.a. Deutschland, den USA und Kanada) unterstützt wird. Der Tag hat zum Ziel die Arbeit von Freiwilligen-Managerinnen und -Managern zu würdigen, sie ins öffentliche Licht zu rücken und zu Diskussion und Austausch anzuregen.

In diesem Sinne lädt die Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschland (fjs e.V.) alle Freiwilligen-Managerinnen und -Manager, sowie Interessierte am 5. November 2010, um 16 Uhr zu einem kleinen Empfang in die Marchlewskistr. 27 in Berlin Friedrichshain ein. Neben entspannt-kollegialem Austausch ist eine kompakte Präsentation von Herrn Holger Krimmer geplant. Krimmer möchte seine „Vision – Freiwilligenmanagement 2015“ als Anstoßgeberin für eine anschließende Diskussion über neuere Entwicklungen im Gebiet der Freiwilligenarbeit und deren Management präsentieren. Zur kostenlosen Teilnahme können Sie / könnt ihr euch bei der AfED unkompliziert anmelden und um den Weg zu finden, hier auch gleich noch die Karte :-)
Größere Kartenansicht

PS: Hier noch die Einladung als PDF und eine Postkarte zum Danke sagen.

Oxfam sucht KoordinatorIn im Freiwilligen-Management

Ziel der Hilfsorganisation Oxfam Deutschland e.V. ist eine gerechte Welt ohne Armut. Das Tochterunternehmen Oxfam Deutschland Shops GmbH betreibt derzeit 36 Oxfam Shops bundesweit, in denen mehr als 2.200 ehrenamtliche MitarbeiterInnen gespendete, gut erhaltene Secondhand-Waren verkaufen. Die Erträge fließen in die
entwicklungspolitische Arbeit des Oxfam Deutschland e.V.

Für den Arbeitsbereich Ehrenamt, die Weiterentwicklung des Ehrenamtskonzeptes sowie für die Qualifizierung und Fortbildung der Freiwilligen in den Oxfam Shops sucht Oxfam Unterstützung zum nächstmöglichen Zeitpunkt. (Arbeitsort: Berlin)

Ihre Aufgabe:

Arbeitsbereich Ehrenamt

  • Sie beraten und unterstützen die hauptamtlichen Shop-ReferentInnen zum Thema Ehrenamt
  • Sie entwickeln Strategien zur Gewinnung von neuen Freiwilligen
  • Sie sind verantwortlich für die Förderung der Anerkennungskultur für die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen

Weiterentwicklung des Ehrenamtskonzeptes

  • Auf der Grundlage des bestehenden Konzeptes arbeiten Sie an dessen Weiterentwicklung und der Anpassung an sich verändernde Rahmenbedingungen

Qualifizierung und Fortbildung der ehrenamtlichen Shop-Mitarbeiter/innen

  • Sie sind verantwortlich für die organisatorische und inhaltliche Planung, Durchführung und Dokumentation von Fortbildungsangeboten für die ehrenamtlichen Shop-MitarbeiterInnen – in enger Kooperation mit dem Team der Shop-ReferentInnen
  • Sie evaluieren diese Maßnahmen und stellen damit eine konzeptionelle Weiterentwicklung des Fortbildungsangebotes sicher
  • Sie entwickeln Standards für die Qualifizierung neuer Freiwilliger im Vorfeld von Shop-Eröffnungen
  • Sie sind verantwortlich für die Umsetzung dieser Standards durch unsere Honorar-TrainerInnen – in enger Zusammenarbeit mit den jeweils zuständigen Shop-ReferentInnen
  • Sie erstellen Schulungsanleitungen und Arbeitshilfen
  • Sie kontrollieren die Kostenpläne in diesem Arbeitsbereich

Sie sind bereit zu Reisetätigkeiten innerhalb Deutschlands.

Ihr Profil:

  • Sie haben ein abgeschlossenes Studium, bevorzugt in den Fachrichtungen Sozialwesen oder Pädagogik, und verfügen über mehrjährige Berufserfahrung in der Erwachsenenbildung und in der Arbeit mit Gruppen
  • Sie verfügen über berufliche Erfahrungen mit ehrenamtlichen MitarbeiterInnen
  • Sie besitzen gute PC-Kenntnisse (MS-Office, Power Point)
  • Sie zeichnen sich aus durch sehr gute organisatorische Fähigkeiten, gutes Zeitmanagement, eigenständige Arbeitsweise bei gleichzeitiger Fähigkeit zur Teamarbeit sowie sehr gute Kommunikationsfähigkeit
  • Sie sind im Besitz eines Führerscheins Kl. III (B)
  • Sie können sich mit den Zielen und Werten von Oxfam identifizieren

Wir bieten:

  • Eine Tätigkeit im Umfeld einer international arbeitenden Hilfs- und Entwicklungsorganisation
  • Die Mitarbeit in einem hoch motivierten Team
  • Eine angemessene Vergütung sowie eine attraktive betriebliche Altersversorgung

Bewerbungen auf diese Stellenausschreibung bitte mit Anschreiben, Lebenslauf und relevanten Zeugnissen bis zum 29. Oktober 2010 ausschließlich per E-Mail an:

Oxfam Deutschland Shops GmbH
Herrn Ulrich Bärtels, Leiter Verwaltung, personal@oxfam.de, Tel.: 030/45 30 69 30.
Die Auswahlgespräche sind für die 46. Kalenderwoche in unserer Geschäftsstelle in Berlin vorgesehen.

Social Media Policys für nonprofit Organisationen

Buchcover Social Media Policy für Nonprofit Organisationen Während für viele Menschen die Nutzung sozialer und interaktiver Medien selbstverständlich zum Alltag gehört, ist dieser Trend für den Dritten Sektor noch neu. Vielen Nonprofit-Organisationen geht es mit den sozialen Medien nicht anders als kleinen und mittleren Unternehmen: Sie nehmen wahr, dass sich die Medienwelt um sie herum verändert und sehen sich gezwungen darauf zu reagieren. Dabei lassen sich viele Trends und Instrumente in der Online-Kommunikation nicht mehr mit traditionellen Herangehensweisen bewältigen.

Die Frage der Internetnutzung am Arbeitsplatz wurde bereits in vielen Organisationen beantwortet. Geregelt werden beispielsweise das private Surfen oder das Abrufen der privaten Emailadresse. Doch das so genannte Web 2.0 hat mit den sozialen Medien Instrumente gebracht, die sich nicht mehr nur auf den Computer am heimischen Schreibtisch beschränken lassen. Daher stellt sich die Frage: Brauchen Nonprofit-Organisationen ein Regelwerk zur Nutzung sozialer Medien und dem strategischen Online-Verhalten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern?

Jona Hölderle und Jörg Eisfeld-Reschke beantworten diese Frage mit Ja. Gemeinsam haben sie ein eBook „Social Media Policies für Nonprofit-Organisationen“ geschrieben. Das Buch ist bei ikosom erschienen und steht kostenfrei zum Download zur Verfügung.

Am Veröffentlichungsdatum am 29. September wurde das Buch auch in einer Online-Buchvorstellung präsentiert. Die Aufzeichnung der Konferenz ist hier ebenfalls abrufbar.

Fundraising 2.0 – neues Webangebot für das neue Fundraising

Vor neun Monaten fand das erste fundraising2.0 CAMP in Berlin statt. Das fundraising2.0 CAMP, das im Januar kommenden Jahres erneut stattfinden wird, ist ein so genanntes BarCamp, eine Unkonferenz deren Prinzip im eingebundenen Video ganz anschaulich erklärt wird. Etwa 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzen das Camp als Plattform für den offenen und kreativen Ideenaustausch zu Fundraising und Social Media.

Am Freitag, 17. September 2010 um 13:23 Uhr wurde der fundraising2.0 BLOG geboren. Unter www.fundraising20.de soll nun regelmäßig aktuelle Themen rund um das ‘neue Fundraising’ besprochen werden. Wie auch www.freiwilligenmanagement.de ist dieser Blog auf die Aktivität der Interessierten angewiesen — Gastbeiträge von Expertinnen und Experten sind nicht nur möglich, sondern bilden einen wesentlichen Bestandteil des Angebotes.

Thomas Kegel

Ich bin Thomas Kegel (Dipl.-Päd., Kommunikationswirt) und habe langjährige Berufserfahrungen im Bereich Ehrenamt und Freiwilliges Engagement in Verbänden. Seit 1999 bin ich der Leiter der Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschland (fjs e.V.) und Referent im Ausbildungsteam “Freiwilligen-Management”. Weitere Aktivitäten: Mitglied im Koordinierungsausschuss im Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE), Gründungsmitglied von euclid – europäisches Netzwerk der Führungskräfte im Dritten Sektor; Mitglied im internationalen Präsidium von volonteurope – europäisches Netzwerk für freiwilliges und bürgerschaftliches Engagement.

Kontakt: Tel.: 0049.30.275 49 38; e-mail: kegel (at) ehrenamt (dot) de; skype: kegel (dot) ehrenamt (dot) de

Publikationen (Auswahl):

Kegel, Thomas: „Freiwillige gewinnen!“ in: „Menschen, Ideen, Projekte. Wettbewerbsdokumentation startscocial 2001“. Düsseldorf: McKinsey& Company

Kegel, Thomas: “Freiwilligen-Manager/in – ein Beruf, der in die Zeit passt” in: Internet-Magazin www.freiwilligen-kultur.de, Ausgabe 03, Berlin, September 2001 (das Internet-Magazin besteht nicht mehr)

Kegel, Thomas: „Gute Organisation vorausgesetzt – Aufgaben für das Management von Volunteers“ in: Doris Rosenkranz, Angelika Weber (Hrsg.) „Freiwilligenarbeit – Einführung in das Management von Ehrenamtlichen in der Sozialen Arbeit“, Weinheim u. München 2002

Kegel, Thomas; Reifenhäuser, Carola: „Fibel Freiwilligen-Koordination. Basiskurs“, Berlin 2003

Kegel, Thomas: „Freiwillige gewinnen! So begeistern Sie Menschen für ein freiwilliges Engagement“ in: Praxishandbuch Sozial- Management, Bonn 2004

Kegel, Thomas; Reifenhäuser, Carola; Schaaf-Derichs, Carola: „Lehrbuch Strategisches Freiwilligen-Management“, Berlin 2004

Kegel, Reifenhäuser, Weisslein: „Volunteer Pocket Guide für Koordinatoren der INAS-FID Fußball WM der Menschen mit Behinderung 2006“, Hürth 2006

Kegel, Thomas; Hartnuß, Birger: „Bürgerschaftliches Engagement und Qualifizierung“ in: Wohlers, Lars (Hrsg.) „Management in der informellen Umweltbildung“, Lüneburg 2006

Kegel, Thomas; Reifenhäuser, Carola; Schaaf-Derichs, Carola: „Lehrbuch II Strategisches Freiwilligen-Management – Die Gute Praxis des Freiwilligenmanagements“, Berlin 2007

Reifenhäuser, Carola; Hoffmann, Sarah G.; Kegel, Thomas: „Freiwilligen-Management“, Augsburg 2009

Zur Volunteer-Classification

Dieser Beitrag ist eine von Hannes Jähnert leicht veränderte Fassung. Zuerst erschienen im Weblog “Die wunderbare Welt …

Auf der Suche nach einer empfehlenswerten Methode die ‘richtigen Freiwilligen’ in die ‘richtigen Engagements’ zu vermitteln, stieß ich schon vor einiger Zeit auf das  “Multi-Paradigm Modell of Volunteering” von Nancy McDuff (2006). Auf der Suche welche theoretische Rahmung diesem Konzept wohl zu Grunde liegen könnte, wurde ich auf die tiefenpsychologische Studie von Fritz Riemann aufmerksam.

Riemann untersucht in seinem Werk, das mittlerweile in der 36en Auflage erschienen ist, die “Grundformen der Angst” und unterscheidet dabei zwischen vier Persönlichkeitstypen. In seinen Ausführungen weist er auf mögliche Probleme hin, denen Menschen mit diesen Persönlichkeitstypen begegnen können, nennt aber auch positive Eigenschaften, die zu den jeweiligen Freiwilligentypen in McDuffs Modell passen.


Riemanns Beschreibung der “schizoiden Persönlichkeiten” (Riemann 2003. S. 20ff.), die sich vor allem durch Selbstständigkeit, Unabhängigkeit, Mut, Autonomie usw. auszeichnen (ebd. S.57), passen sehr gut zur Beschreibung der “Entrepreneurial Volunteers” im Feld der Ich-Bezogenheit und der radikalen Veränderung.

Die Beschreibung der “depressiven Persönlichkeiten” (S. 59ff.) wiederum passen sehr gut zur Beschreibung des “Traditional Volunteer” im Feld der Stabilität und Objektivität. Die positiven Eigenschaften dieses Persönlichkeitstypus beschreibt Riemann jedenfalls ähnlich wie McDuff mit dem Satz:

“Er kann verzeihen, kann geduldig warten und Dinge reifen lassen und hat einen wenig ausgeprägten Egoismus” (S. 104)

Auch die von Riemann beschriebenen “zwanghaften Persönlichkeiten” (S. 105ff.) passen in das Volunteer Classification Modell von McDuff. Mit der Angst vor Veränderung, die als Vergänglichkeit und Unsicherheit erlebt wird, richtet sich dieser Persönlichkeitstyp auf Stabilität und Subjektivität aus. Übertragen auf das McDuff’sche Modell schreibt Riemann dem “Serendipitous Volunteer” “Stabilität, Tragfähigkeit, Ausdauer und Pflichtgefühl” zu (S. 154).

Der letzte von Fritz Riemann beschriebene Persönlichkeitstyp ist der “hysterische” (S. 156ff.), der die Notwendigkeit als Endgültigkeit und Unfreiheit erlebt. Er bewegt sich damit im Feld der radikalen Veränderung und Objektivität — richtet also seine Bemühungen auf seine strukturelle Umgebung aus. Dem “Social-Change Volunteer” (dem ‘Weltverbesserer’) könnte man mit Riemann “Farbigkeit, Originalität, Lebendigkeit” und die Fähigkeit der Selbstdarstellung zuschreiben (S. 198).

Zusammenfassend lässt sich hier festhalten, dass die Persönlichkeitstypen aus Riemanns “Grundformen der Angst” recht gut in das “Multi-Paradigm Modell of Vollunteering” von Nacy McDuff passen. Auch wenn Mrs. McDuff Riemann nicht zitiert liefert er mit diesen Persönlichkeitstypen doch eine fundierte theoretische Grundlage für dieses Modell zur Freiwilligenklassifizierung, das natürlich auch ein wertvolles Werkzeug für die Personalisierung des Freiwilligenmanagements ist.